Die Fußball-WM 2026 findet in den USA, Kanada und Mexiko statt. 78 von 104 Spielen werden auf US-amerikanischem Boden ausgetragen, darunter das Finale. Normalerweise wäre das der Zeitpunkt für Reiseplanung, Ticketkauf, Vorfreude. Aber normal ist an dieser WM wenig. Wer als europäischer Fan in die Vereinigten Staaten einreisen will, betritt ein Land, das seine Grenzen seit 2025 so kontrolliert wie nie zuvor – und das die eigene Regierungskritik zum Sicherheitsrisiko erklärt hat.
Dieser Artikel erklärt nüchtern, was auf deutsche WM-Reisende zukommt. Ohne Panik, aber auch ohne Beschönigung. Die Fakten sind dokumentiert, die Fälle real. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, ob ihm ein Fußballspiel das Risiko wert ist.
ESTA, Reisepass und die Basics – Was sich geändert hat
Deutsche Staatsbürger brauchen für die Einreise in die USA einen biometrischen Reisepass, der für die gesamte Reisedauer gültig ist, plus eine ESTA-Genehmigung. Die kostet 40 Dollar und sollte mindestens 72 Stunden vor Abreise beantragt werden. Damit darf man bis zu 90 Tage visumfrei einreisen. Zusätzlich muss ein Rückflugticket und eine Aufenthaltsadresse in den USA nachgewiesen werden. Soweit die Theorie.
In der Praxis hat sich fundamental etwas verschoben. Eine genehmigte ESTA garantiert die Einreise nicht. Das war technisch gesehen schon immer so – CBP-Beamte an der Grenze treffen die finale Entscheidung. Nur wurde dieses Ermessen früher selten gegen westeuropäische Touristen eingesetzt. Seit 2025 sieht das anders aus.
Die Trump-Regierung hat im Federal Register eine Reform des ESTA-Antrags veröffentlicht, die weit über alles hinausgeht, was bisher von einem demokratischen Staat verlangt wurde. Neben den üblichen persönlichen Daten sollen Antragsteller künftig sämtliche Social-Media-Accounts der letzten fünf Jahre angeben, alle E-Mail-Adressen der letzten zehn Jahre, alle privaten und beruflichen Telefonnummern der letzten fünf Jahre, ein Live-Selfie zur biometrischen Verifizierung, Fingerabdrücke, und – kein Scherz – DNA-Proben sowie Iris-Scans. Obendrauf kommen vollständige Familiendaten: Namen, Geburtsdaten, Geburtsorte und Wohnsitze von Eltern, Ehepartnern, Geschwistern und Kindern. Auch dann, wenn diese Familienmitglieder gar nicht in die USA reisen.
Die NGO Privacy International kommentierte die Pläne so: Die US-Regierung schaffe die Voraussetzungen, eines Tages die DNA aller Reisenden verlangen zu können. Bürgerrechtsorganisationen wie Human Rights First ziehen Parallelen zu Überwachungspraktiken in China und Russland. Ob und wann diese Anforderungen tatsächlich in Kraft treten, ist Stand heute noch offen. Dass sie überhaupt im offiziellen Bundesregister stehen, sagt genug über die Richtung.
Handy-Durchsuchung an der Grenze – Was CBP darf und tut
Unter einer Ausnahme vom vierten Verfassungszusatz dürfen US-Grenzbeamte elektronische Geräte ohne richterlichen Beschluss durchsuchen. Kein Warrant, kein Verdacht nötig. Das gilt nicht nur direkt am Flughafen, sondern in einer 100-Meilen-Zone um jede US-Grenze – einem Streifen, in dem rund zwei Drittel der US-Bevölkerung leben.
Im Fiskaljahr 2025 wurden 55.318 elektronische Geräte an Einreisepunkten durchsucht. Zwischen April und Juni 2025 allein waren es 14.899 – ein Quartalsrekord. Der Anteil durchsuchter Geräte von US-Bürgern stieg von 21 auf 25 Prozent. Bei Nicht-US-Bürgern sind die Hürden noch niedriger.
Wer die Entsperrung seines Handys verweigert, hat als Nicht-US-Bürger exakt zwei Optionen: kooperieren oder abgeschoben werden. Ein australischer Rechtsprofessor warnt, dass VWP-Reisende an der Grenze „minimale Rechte" haben. Kein Anwalt, kein Richter, kein Einspruch. Der Beamte vor dir entscheidet.
Mehrere internationale Unternehmen raten Mitarbeitern mittlerweile, bei USA-Reisen sogenannte Burner Phones mitzunehmen – Wegwerfhandys ohne persönliche Daten, ohne Social-Media-Apps, ohne Chat-Verläufe. Dass man für eine Fußball-WM ernsthaft ein leeres Handy einpacken soll, war bis vor kurzem in keinem Reiseratgeber der Welt zu finden.
Was passiert, wenn du Trump auf Social Media kritisiert hast
Hier wird es konkret. Die Frage ist nicht mehr theoretisch. Es gibt dokumentierte Fälle von Einreiseverweigerungen und Abschiebungen auf Basis von Social-Media-Inhalten – und sie betreffen nicht etwa Terrorverdächtige, sondern Wissenschaftler, Studenten und Touristen.
Ein französischer Forscher des nationalen Forschungszentrums CNRS wollte im März 2025 eine Konferenz in Houston besuchen. Bei einer Zufallskontrolle durchsuchten CBP-Beamte sein privates Handy und sein Dienst-Notebook. In privaten Chat-Nachrichten hatte er die Wissenschaftspolitik der US-Regierung kritisiert. Die Behörden warfen ihm vor, diese Nachrichten könnten „Hass auf Trump zum Ausdruck bringen und als Terrorismus eingestuft werden". Seine Geräte wurden konfisziert, am nächsten Tag wurde er nach Europa abgeschoben. Die französische Akademie der Wissenschaften sprach von einer „autoritären Entwicklung". Private Chatnachrichten, wohlgemerkt – keine öffentlichen Posts. Ein Gespräch unter Kollegen reichte aus.
Im Juni 2025 traf es einen 21-jährigen Norweger am Newark Airport. Ihm wurde mit einer Geldstrafe von 5.000 Dollar oder fünf Jahren Gefängnis gedroht, falls er sein Handy nicht entsperre. Nach der Durchsuchung fanden Beamte ein Meme über Vizepräsident JD Vance. Der Beamte bezeichnete das Meme als „illegal", „gefährlich" und „extremistische Propaganda". Der junge Mann wurde einer Leibesvisitation unterzogen, ihm wurden Fingerabdrücke und eine Blutprobe abgenommen. Dann schickte man ihn zurück nach Norwegen. Das DHS bestritt später, dass das Meme der Grund gewesen sei – in den dem Norweger ausgehändigten CBP-Dokumenten steht allerdings als Begründung, er habe geplant, illegal in den USA zu arbeiten. Was er als absurd bezeichnete.
Es geht aber noch weiter als einzelne Grenzkontrolleure, die über die Stränge schlagen. Seit März 2025 betreibt das US-Außenministerium unter Marco Rubio ein KI-gestütztes Programm namens „Catch and Revoke". Automatisiert durchforstet Künstliche Intelligenz Social-Media-Profile, um bereits erteilte Visa zu widerrufen. Bis April 2025 wurden auf dieser Basis mindestens 600 Visa eingezogen – hauptsächlich bei Personen, die an pro-palästinensischen Protesten teilgenommen hatten.
Die USCIS-Führung definiert „anti-amerikanische Ansichten" offiziell als „overwhelmingly negative factor" für Einreiseentscheidungen. Auf die Frage, was genau „anti-amerikanisch" bedeute, verwies der USCIS-Direktor auf Campus-Proteste und „Unterstützung fremder Terrorideologien". Eine absichtlich vage Formulierung.
Was heißt das für einen deutschen WM-Fan, der auf Instagram mal einen kritischen Kommentar zur US-Politik abgesetzt hat? Oder auf X einen Artikel über Trumps Einwanderungspolitik geteilt? Wahrscheinlich passiert nichts. Die allermeisten Reisenden werden ganz normal einreisen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht mehr null. Und das Risiko steigt mit der Sichtbarkeit der Posts, der Aktivität auf bestimmten Themengebieten, und schlicht mit dem Pech, an den falschen Beamten zu geraten. Anwaltskanzleien empfehlen ihren Mandanten bereits, Social-Media-Posts über regierungskritische Themen zu löschen oder zumindest die Konten vor der Reise zu bereinigen. Wer sich das nicht antun will, sollte zumindest wissen, worauf er sich einlässt.
Fans ausgesperrt – Einreiseverbote für WM-Teilnehmerländer
Die USA richten eine Weltmeisterschaft aus und verbieten gleichzeitig den Fans mehrerer teilnehmender Mannschaften die Einreise. Das klingt wie Satire, ist aber geltendes Recht.
Iran und Haiti sind WM-Teilnehmer. Für beide Länder gilt ein vollständiges Einreiseverbot – alle Visa-Kategorien suspendiert. Kein iranischer Fan, kein haitianischer Fan wird legal ein Spiel seiner Mannschaft in den USA besuchen können.
Senegal und die Elfenbeinküste sind ebenfalls für die WM qualifiziert. Für beide Länder sind B-1/B-2-Touristenvisa suspendiert – also genau die Visa-Kategorie, die Fans brauchen würden. Insgesamt sind 39 Länder vollständig oder teilweise vom Einreiseverbot betroffen.
Ausnahmen existieren nur für Athleten, Trainer und Betreuer. Nicht für Fans, nicht für akkreditierte Journalisten, nicht für Sponsorenvertreter. Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter rief Fans dazu auf, Spiele in den USA zu boykottieren. Der Deutschlandfunk titelte: „USA verhängen zur Fußball-WM und zu den Olympischen Spielen Einreiseverbote." Die FIFA hat ein sogenanntes „Priority Appointment Scheduling System" (FIFA PASS) eingerichtet, das Ticketinhabern priorisierte Visa-Interviewtermine verschaffen soll. Klingt nett. Nur: FIFA PASS umgeht keines der bestehenden Einreiseverbote. Ein Ticket garantiert keine Einreise.
ICE an den Stadien – Abschiebungen beim Fußball
Schon bei der Club-WM 2025 war die Abschiebebehörde ICE an Stadien präsent. DHS-Beamte waren in Atlanta, Los Angeles, Miami und Seattle stationiert. Ein Asylsuchender wurde beim Club-WM-Finale am MetLife Stadium festgenommen, nachdem er eine Drohne für ein Familienfoto fliegen lassen wollte. Statt einer Ordnungsstrafe übergab man ihn an ICE – Abschiebung vorgesehen. Bei einer FIFA-Bootparty in Miami enterten DHS und Coast Guard das Schiff und fragten Teilnehmer nach Aufenthaltsdokumenten. Fans verkauften daraufhin ihre Club-WM-Tickets aus Angst vor Festnahmen.
Für die WM 2026 hat die US-Regierung ICE-Einsätze an Austragungsorten nicht ausgeschlossen. Von Januar bis Oktober 2025 wurden mindestens 92.392 Personen in WM-Austragungsstädten von ICE festgenommen. 65 Prozent davon hatten keine Vorstrafen in den USA.
Die Fan-Organisation Football Supporters Europe kritisiert die „völlige Abwesenheit eines Sicherheitskonzepts" seitens der FIFA. Unklar bleibt, welche Polizeibehörden in und um die Stadien operieren werden. Internationale Polizeidelegationen und sogenannte „Spotter" – bei Weltmeisterschaften normalerweise Standard – wurden von den USA bisher nicht eingeladen. Für Fans mit ungeklärtem oder unsicherem Aufenthaltsstatus in den USA ist ein Stadionbesuch damit ein echtes Risiko geworden.
Die Alternative: Kanada und Mexiko
11 WM-Spiele finden in Kanada statt, weitere 11 in Mexiko. Beide Länder haben deutlich weniger restriktive Einreisebedingungen. Für Kanada brauchen deutsche Staatsbürger bei Fluganreise eine eTA – eine elektronische Reisegenehmigung, vergleichbar mit ESTA, aber ohne die neuen Überwachungsanforderungen. Bei Anreise über Land oder Wasser aus den USA ist nicht einmal die eTA nötig. Mexiko verlangt von deutschen Staatsbürgern für Aufenthalte bis 180 Tage kein Visum.
Für Fans aus Ländern, die von US-Einreiseverboten betroffen sind, werden Kanada und Mexiko zur einzigen Option, WM-Spiele live zu sehen. Das ist keine Empfehlung, das ist die Realität.
Was konkret zu tun ist – Praktische Hinweise
Die Lage lässt sich auf ein paar nüchterne Ratschläge herunterbrechen. ESTA so früh wie möglich beantragen und die 72-Stunden-Frist als absolutes Minimum betrachten. Reisepass prüfen – biometrisch, für die gesamte Reisedauer gültig, keine Beschädigungen.
Social-Media-Konten vor der Reise durchgehen. Wer politische Inhalte gepostet hat, die als regierungskritisch interpretiert werden könnten, sollte diese entweder löschen oder zumindest wissen, dass sie bei einer Grenzkontrolle gefunden werden können. Ein Zweithandy ohne persönliche Daten oder Social-Media-Apps für die Reise in Betracht ziehen. Keine Apps mit sensiblen Chatverläufen auf dem Reisehandy lassen, Rückflugticket und Hotelbuchung als Ausdruck dabeihaben.
Und sich darüber im Klaren sein, dass all diese Vorsichtsmaßnahmen keine Garantie bieten. Der CBP-Beamte am Einreiseschalter trifft eine Entscheidung, gegen die es für VWP-Reisende keinen Rechtsweg gibt.
Fazit
Eine Fußball-WM sollte ein Fest sein. Ein Ort, an dem Fans aus aller Welt zusammenkommen, ihre Mannschaften anfeuern, gemeinsam feiern. Die WM 2026 wird das für viele auch sein. Aber sie findet in einem Land statt, das private Chatnachrichten als Terrorismus einstuft, Memes zum Abschiebegrund erklärt, Fans qualifizierter Mannschaften per Gesetz aussperrt und seine Abschiebebehörde an Stadien postiert.
Keiner dieser Punkte ist übertrieben. Jeder einzelne ist dokumentiert, veröffentlicht, gerichtlich verhandelt oder von offizieller Stelle bestätigt worden. Wer trotzdem fährt, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Wer nicht fährt, hat dafür gute Gründe. Und wer glaubt, das betreffe nur andere – der unterschätzt, wie schnell ein Meme auf dem Handy zum Problem werden kann.

