England gegen Argentinien im WM-Halbfinale 2026, und beide sind auf verblüffend ähnlichem Weg hierhergekommen: durch enge, zähe K.-o.-Spiele, die keiner überzeugend gewonnen hat. Argentinien musste zweimal in die Verlängerung und drehte gegen Ägypten einen 0:2-Rückstand, England schleppte seine Siege gegen Mexiko und Norwegen fast im Alleingang über Kane und Bellingham ins Ziel.
Daraus ergibt sich die Frage, die vor dem Anpfiff in Atlanta alle umtreibt: Wer zieht ins Finale ein? Der Titelverteidiger mit einem Messi, der auch mit 39 Jahren noch den Ton angibt, oder eine englische Mannschaft, die zwar schwankt, in den wichtigen Momenten aber auf zwei Ausnahmetalente zählen kann?
Wie ist England ins Halbfinale gekommen?
England zog als Sieger der Gruppe L in die K.-o.-Runde ein, mit sieben Punkten aus drei Spielen. Der Auftakt geriet zum Spektakel: 4:2 gegen Kroatien, Harry Kane und Jude Bellingham trafen, Marcus Rashford legte spät nach. Danach wurde es zäh. Gegen Ghana kam die Mannschaft nicht über ein 0:0 hinaus, gegen Panama reichte am Ende ein 2:0.
In der ersten K.-o.-Runde lag England gegen die DR Kongo früh zurück, ehe Kane die Partie mit zwei Kopfballtoren zum 2:1 drehte. Das Achtelfinale gegen Mexiko im Aztekenstadion wurde zur Nervenprobe: Bellingham schnürte einen Doppelpack, doch nach einem Platzverweis stand England fast die gesamte zweite Halbzeit in Unterzahl und rettete den 3:2-Sieg mit Mühe über die Zeit.
Im Viertelfinale gegen Norwegen ging es über die volle Distanz. Beim 1:1 nach 90 Minuten musste die Verlängerung her, und wieder war es Bellingham, der mit einem Doppelpack das 2:1 und den Einzug ins Halbfinale besorgte. Drei K.-o.-Spiele, drei Siege, aber kein einziger davon zum Zurücklehnen.
Runde | Gegner | Ergebnis |
|---|---|---|
Gruppe L | Panama | 2:0 |
Sechzehntelfinale | DR Kongo | 2:1 |
Achtelfinale | Mexiko | 3:2 |
Viertelfinale | Norwegen | 2:1 n.V. |
Woran Englands Stärke hängt
Englands Kapital sind zwei Spieler, die vorne auch aus schwierigen Winkeln treffen können. Kane und Bellingham haben bei diesem Turnier je sechs Tore erzielt und in den K.-o.-Spielen fast alles allein geregelt: Kanes Doppelpack gegen die DR Kongo, dann die beiden Doppelpacks von Bellingham gegen Mexiko und Norwegen. Wird es eng, zieht England die Klasse dieser zwei aus dem Hut.
Die Kehrseite zeigte sich in der Gruppenphase. Nach dem furiosen 4:2 gegen Kroatien folgten Auftritte, die kaum an dieses Niveau anknüpften, das 0:0 gegen Ghana vorneweg. Gegen tief stehende, kompakte Gegner tut sich die Mannschaft schwer, weil dann der Fluss im Kollektiv fehlt und die Ideen aus dem Mittelfeld dünner werden.
Thomas Tuchel hat daraus fast eine Tugend gemacht. Sein England gewinnt auch die zähen, engen Spiele, oft über einen einzelnen Moment seiner Ausnahmespieler. Gegen Argentinien kann genau das den Ausschlag geben, denn ein Halbfinale wird selten einfach.
Argentiniens wackelige K.-o.-Runde
Auf dem Papier liest sich Argentiniens Bilanz makellos: sechs Spiele, sechs Siege, 17 Tore. In der Gruppe fegte der Titelverteidiger unter anderem Algerien mit 3:0 vom Platz, Lionel Messi gelang dabei ein Dreierpack. Sobald es in die K.-o.-Runde ging, wurde aus der Gala allerdings eine Zitterpartie nach der anderen.
Schon im Sechzehntelfinale gegen Kap Verde brauchte die Albiceleste die Verlängerung, um mit 3:2 nach einem Eigentor weiterzukommen. Im Achtelfinale gegen Ägypten sah es noch enger aus: Nach gut einer Stunde lag Argentinien mit 0:2 hinten, ehe es die Partie noch zum 3:2 drehte. Das war kein Auftritt eines überlegenen Favoriten, sondern harte Arbeit bis in die Schlussphase.
Auch das Viertelfinale gegen die Schweiz zog sich in die Verlängerung. Alexis Mac Allister hatte früh zum 1:0 getroffen, doch die Schweiz glich aus, und nach 90 Minuten stand es 1:1. Der Wendepunkt war eine Gelb-Rote Karte für Breel Embolo nach einer unnötigen Schwalbe. In Überzahl setzte sich Argentinien mit 3:1 durch, das 2:1 besorgte ein Traumtor von Julián Álvarez in der 112. Minute.
Runde | Gegner | Ergebnis |
|---|---|---|
Sechzehntelfinale | Kap Verde | 3:2 n.V. |
Achtelfinale | Ägypten | 3:2 |
Viertelfinale | Schweiz | 3:1 n.V. |
Wie stark der Titelverteidiger wirklich ist
Die individuelle Klasse steht außer Frage. Mit Messi, Álvarez, Lautaro Martínez und einem eingespielten Mittelfeld um Enzo Fernández und Rodrigo De Paul hat Argentinien einen Kader, der jeden Gegner schlagen kann. Beim Sieg über die Schweiz war Álvarez der überragende Mann auf dem Platz.
Der Titelverteidiger hängt aber spürbar an einzelnen Aktionen. Messi, mittlerweile 39 Jahre alt, ist mit acht Toren und zwei Vorlagen weiter der Taktgeber, blieb im Viertelfinale gegen die Schweiz jedoch ohne eigenen Treffer und sah seine Torserie reißen. Dahinter wird die Torgefahr schnell dünn: Lautaro Martínez kommt auf zwei Turniertore, der Innenverteidiger Lisandro Martínez steuerte einen bei.
Das Muster ist eindeutig. Argentinien gewinnt, aber selten klar, und in jeder Runde des Turnierbaums musste die Mannschaft zittern, zweimal davon über die Verlängerung. Eine Abwehr, die in drei K.-o.-Spielen jedes Mal mindestens ein Gegentor kassierte, ist nicht die Bank, als die Argentinien vor dem Anpfiff gehandelt wird.
An welchen Duellen entscheidet sich das Halbfinale?
Wenn zwei Mannschaften auf diesem Niveau aufeinandertreffen, geben oft wenige Zweikämpfe den Ausschlag. Die Aufstellungen werden zwar erst rund eine Stunde vor Anpfiff offiziell, doch die voraussichtlichen Elf beider Teams lassen die Bruchstellen schon erkennen. England dürfte im 4-2-3-1 auflaufen, mit Pickford im Tor, davor Konsa, Stones, Guéhi und O'Reilly, dahinter Rice und Anderson auf der Doppelsechs sowie Madueke, Bellingham und Gordon hinter dem einzigen Spitzenmann Kane. Argentinien wird voraussichtlich mit Emiliano Martínez im Tor beginnen, mit Molina, Romero, Lisandro Martínez und Tagliafico in der Abwehr, Paredes, De Paul, Enzo Fernández und Mac Allister im Mittelfeld und Messi neben Álvarez in der Spitze.
Der erste Schlüssel liegt vor Argentiniens Tor. Bellingham und Kane haben dieses Turnier über die Innenverteidigung gegnerischer Teams entschieden, jetzt bekommen sie es mit Romero und Lisandro Martínez zu tun, dem Herz der argentinischen Abwehr. Halten die beiden dagegen, fehlt England seine schärfste Waffe. Allerdings haben sie in den letzten Spielen nicht immer sicher gestanden, weshalb ich den Vorteil hier klar bei den Engländern sehe.
Am anderen Ende steht Englands Viererkette vor der Frage, wie sie Messi und Álvarez in den Griff bekommt. Messi lässt sich gern ins Mittelfeld zurückfallen und stellt damit Stones oder Guéhi vor die Wahl, ihm zu folgen oder die Kette geschlossen zu halten. Álvarez lauert genau auf die Räume, die bei dieser Entscheidung aufgehen.
Im Zentrum trifft Englands Doppelsechs mit Rice und Anderson auf das dicht besetzte argentinische Mittelfeld um De Paul, Enzo Fernández und Mac Allister. Wer hier die zweiten Bälle gewinnt, gibt die Richtung vor.
Bleibt das Duell der Torhüter, das ein enges Spiel im Alleingang kippen kann. Emiliano Martínez machte sich beim WM-Titel 2022 als Spezialist im Elfmeterschießen einen Namen, und auch Pickford hat auf englischer Seite in einem Elfmeterschießen schon entscheidend gehalten. Geht dieses Halbfinale über die Verlängerung hinaus, kann genau dieser Zweikampf den Ausschlag geben.
England vs. Argentinien WM-Tipp
England hat in diesem Turnier die Ausnahmespieler, die ein enges Halbfinale allein entscheiden können, und trifft auf einen Titelverteidiger, der sich durch jede K.-o.-Runde gequält hat. Dafür spricht zuerst die Offensive: Kane und Bellingham haben je sechs Turniertore erzielt, und Bellingham hat sowohl gegen Mexiko als auch gegen Norwegen einen Doppelpack geschnürt und England damit praktisch im Alleingang weitergebracht. Zwei Angreifer dieser Klasse reichen, um jede Abwehr zu knacken.
Dazu kommt Argentiniens wackelige Defensive: Der Titelverteidiger kam gegen Kap Verde nur über die Verlängerung weiter, lag gegen Ägypten schon mit 0:2 hinten und schlug die Schweiz erst in Überzahl nach einem Platzverweis. In jedem dieser drei Spiele fiel mindestens ein Gegentor, die argentinische Abwehr ist also zu überwinden.
Ein dritter Punkt ist Messi: mit 39 Jahren weiter überragend, im Viertelfinale gegen die Schweiz aber ohne eigenen Treffer, und Argentinien hängt stark an solchen einzelnen Aktionen. Bleiben sie aus, wird die Torgefahr schnell dünn. Argentinien dreht Rückstände und weiß, wie man ein Spiel über die Zeit rettet. Allerdings hat England zuletzt das gleiche gezeigt. In zwei ihrer drei K.-o-Spiele kamen sie von einem Rückstand zurück und behielten in den entscheidenden Momenten die Nerven. Und das gegen deutlich stärkere Gegner wie Argentinien. Sie mussten gegen die schwer zu bespielenden Norweger ran und auch Mexiko ist zuhause eine Mannschaft, die man nicht unterschätzen darf. Daher ist mein Tipp für diese Partie eine 1x2-Wette auf einen Sieg der Engländer.
Fazit und Prognose
Für mich ist England hier die leicht bessere Mannschaft. Nicht, weil Argentinien schwach wäre, sondern weil England mit Kane und Bellingham die beiden Spieler hat, die ein solches Halbfinale in einem einzigen Moment auf ihre Seite ziehen können, und weil die argentinische Abwehr in jeder K.-o.-Runde Lücken gezeigt hat.
Ich erwarte ein enges Spiel, in dem Argentinien lange mithält und über Messi und Álvarez zu seinen Gelegenheiten kommt. Englands Viererkette wird kaum ohne Gegentor bleiben, dafür hat die argentinische Offensive zu viel Qualität. Den Ausschlag geben am Ende aber die englischen Ausnahmespieler und die mentale Stärke, welche die Mannschaft unter Tuchel in den letzten Wochen gezeigt hat. Mein Tipp für den Ausgang lautet 2:1 für England in der regulären Spielzeit.
