Als Team USA im Mai 2025 die Schweiz im WM-Finale von Stockholm mit 1:0 nach Verlängerung bezwang, beendeten die Amerikaner eine 65 Jahre andauernde Durststrecke. Erstes WM-Gold seit 1960 – das musste erst mal sacken. Keine zwölf Monate später treffen beide Teams in Zürich erneut aufeinander, nur diesmal mit umgekehrten Vorzeichen: Die Schweiz ist Gastgeber, und 12.000 Fans in der Swiss Life Arena dürften nicht gerade auf der Seite des Titelverteidigers stehen.
Vom 15. bis 26. Mai 2026 kämpfen in Gruppe A acht Mannschaften um vier Viertelfinalplätze der Eishockey WM. Das Leistungsgefälle ist dabei beachtlich. Im aktuellen IIHF-Ranking trennen die Nummer 1 der Welt, die USA mit 5.320 Punkten, und Schlusslicht Ungarn auf Rang 18 mit 4.135 Punkten über 1.100 Zähler. Drei Favoritenteams, ein Mittelfeld mit Ambitionen, zwei klare Außenseiter – und mittendrin ein deutsches Team, das nach dem enttäuschenden WM-Vorjahr etwas gutzumachen hat. Die vier besten Teams jeder Gruppe ziehen ins Viertelfinale ein. Ab dort wird im K.o.-System gespielt, bis am 31. Mai in Zürich das Finale steigt.
Die drei Favoriten der Eishockey WM 2026 Gruppe A
An der Spitze der Gruppe gibt es wenig Diskussionsbedarf. USA, Schweiz und Finnland belegen im aktuellen IIHF-Ranking die Ränge 1, 3 und 6, und alle drei standen bei der vergangenen WM mindestens im Viertelfinale. Das Trio dürfte die Gruppenphase unter sich ausmachen – die Frage ist eher, wer sich den ersten Platz sichert.
USA – der Titelverteidiger
Die Amerikaner kommen als amtierender Weltmeister nach Zürich. Ihr Weg zum Gold bei der WM 2025 war beeindruckend: In der Vorrunde 17 Punkte als Gruppenzweiter hinter der Schweiz, dann ein 5:2 im Viertelfinale gegen Finnland, ein 6:2 im Halbfinale gegen Schweden und schließlich das knappe 1:0 nach Verlängerung im Finale gegen die Eidgenossen.
Nach WM-Gold und Olympiasieg stehen die USA im aktuellen IIHF-Ranking auf Rang 1 mit 5.320 Punkten (Stand: Februar 2026) – mit deutlichem Abstand vor der Konkurrenz. Das ist kein Zufall: WM-Titel 2025 und Olympia-Gold 2026 in Milano Cortina mit einem 2:1 n.V. im Finale gegen Kanada haben die Amerikaner an die Spitze katapultiert.
Entscheidend wird wie immer die Kaderfrage sein. Die NHL-Saison 2025/26 endet Mitte April, die Stanley-Cup-Playoffs laufen parallel zur WM. Welche Stars tatsächlich in Zürich auflaufen, hängt davon ab, wessen Teams in den Playoffs ausscheiden. Schon bei Olympia 2026 in Milano Cortina zeigte das US-Team mit NHL-Vollbesetzung, wozu es fähig ist – unter anderem mit einem 5:1 gegen Deutschland in der Vorrunde.
Schweiz – Gastgeber mit Vizeweltmeister-Form
Die Schweizer Nati geht mit einer starken Ausgangslage ins Turnier. Rang 3 im aktuellen IIHF-Ranking mit 5.185 Punkten (Stand: Februar 2026), Vizeweltmeister 2025 und jetzt auch noch Heimvorteil. In der Vorrunde der letzten WM dominierte die Schweiz ihre Gruppe mit 19 Punkten und Siegen unter anderem gegen die USA (3:0) und Deutschland (5:1). Im Halbfinale wurde Dänemark 7:0 vom Eis gefegt, erst im Finale war gegen die USA im Overtime Schluss.
Die Swiss Life Arena in Zürich-Altstetten fasst 12.000 Zuschauer, und wer schon mal ein Schweizer Länderspiel erlebt hat, weiß, was für eine Atmosphäre da entsteht. Die Nati war zuletzt 2009 WM-Gastgeber und holte damals Silber. Geschichte wiederholt sich nicht zwangsläufig – aber die Vorzeichen stehen gut.
Finnland – die Turniermaschine
Finnland steht im aktuellen IIHF-Ranking auf Rang 6 mit 5.000 Punkten. Die Finnen waren 2019 und 2022 Weltmeister, stehen seit Jahren verlässlich in den letzten Turnierrunden und fallen selten unter die Top 4 einer WM-Gruppe.
Bei der WM 2025 in Stockholm reichte es als Dritter der Gruppe A für das Viertelfinale, wo Finnland den späteren Weltmeister USA allerdings klar mit 2:5 unterlag. In der Vorrunde gelangen Siege gegen Kanada (2:1), Frankreich (4:3 n.V.) und Lettland (2:1) – die Finnen gewinnen also auch die engen Spiele.
So viel zu den Favoriten. Was Finnland bei großen Turnieren auszeichnet: Es gibt keine schlechten Jahre. Andere Top-Nationen schwanken, die Finnen jedoch liefern meistens ab. Das macht sie zum vielleicht unspektakulärsten, aber zuverlässigsten Gruppensieger-Kandidaten.
Deutschland bei der Eishockey WM – können sie das Viertelfinale schaffen?
Die WM 2025 war ein Rückschlag. Deutschland beendete die Vorrunde in Herning auf dem fünften Platz der Gruppe B mit 10 Punkten – erstmals seit 2018 war in der Gruppenphase Schluss. Siege gegen Kasachstan (4:1) und Norwegen (5:2) reichten nicht, weil die Partien gegen die Großen zu deutlich verloren gingen: 1:5 gegen die Schweiz, 3:6 gegen die USA, 0:5 gegen Tschechien. Gegen Dänemark verlor man das entscheidende Spiel um Platz 4 erst im Penaltyschießen (1:2 n.P.).
Bei Olympia 2026 in Milano Cortina sah es im Februar zunächst besser aus. Mit Leon Draisaitl als Zugpferd schlug das DEB-Team Dänemark 3:1 und Frankreich im Playoff 5:1, ehe im Viertelfinale gegen die Slowakei bei einem 2:6 die Grenzen sichtbar wurden. Immerhin: Ein VF-Einzug bei Olympia ist kein schlechtes Ergebnis.
Im aktuellen IIHF-Ranking steht Deutschland auf Rang 7 mit 4.915 Punkten. Das klingt komfortabel, aber der Abstand zu Lettland auf Rang 10 beträgt nur 220 Punkte. So sicher ist der vierte Platz also nicht.
Bundestrainer Harold Kreis wird erneut auf NHL-Verstärkung hoffen. Moritz Seider von den Detroit Red Wings und Lukas Reichel von den Chicago Blackhawks gelten als mögliche Kaderstützen – ob sie kommen, hängt wieder vom Playoff-Verlauf in der NHL ab. Bei der Eishockey-WM wird der finale Kader erst kurz vor Turnierstart bekanntgegeben.
Der Spielplan macht es nicht leichter: Deutschland eröffnet das Turnier am 15. Mai um 16:20 Uhr gegen Finnland und trifft danach auf Lettland (17. Mai), die Schweiz (18. Mai) und die USA (20. Mai). Drei der vier schwersten Gegner in den ersten vier Spielen. Das bedeutet: Gegen Ungarn (22. Mai), Österreich (23. Mai) und Großbritannien (25. Mai) müssen die Punkte her, damit das Polster reicht. Auch wenn Deutschland sich in keiner einfachen Gruppe befindet, ist der vierte Tabellenplatz durchaus im Berreich des möglichen und würde damit den Einzug in das Viertelfinale bedeuten.
Lettland und Österreich – die gefährlichen Außenseiter
Zwischen den drei Topteams und den Abstiegskandidaten gibt es zwei Mannschaften, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Lettland und Österreich sind keine Laufkundschaft. Beide haben bei der WM 2025 bewiesen, dass sie auf Top-Division-Niveau konkurrenzfähig sind – und beide können Deutschland richtig gefährlich werden.
Lettland – zuverlässig unbequem
IIHF-Rang 10 mit 4.695 Punkten. Lettland gehört seit über einem Jahrzehnt fest zur Top-Division und fällt dort selten negativ auf. Bei der WM 2025 in Stockholm schlug das Team Frankreich 4:1, Slowenien 5:2 und die Slowakei sogar 5:1. Gegen die Großen gab es erwartbare Niederlagen – 1:7 gegen Kanada, 0:6 gegen Schweden –, aber gegen Finnland stand am Ende nur ein 1:2.
Auch bei Olympia 2026 zeigte Lettland Qualität und schlug Deutschland in der Vorrunde mit 4:3. Das ist kein Zufall. Die Letten bringen einen kompakten Kader mit, gespickt mit Spielern aus der KHL und europäischen Topligen, der defensiv stabil steht und auf Konter lauert. Das Direktduell Deutschland gegen Lettland am 17. Mai könnte zum Schlüsselspiel um den vierten Viertelfinalplatz werden.
Österreich – die Überraschung der WM 2025
Auf dem Papier ist Österreich mit Rang 11 und 4.465 Punkten (Stand: Februar 2026) der klare Außenseiter im Mittelfeld der Gruppe. In der Praxis sieht das anders aus.
Bei der WM 2025 in Stockholm schaffte Österreich als Gruppen-Vierter den Sprung ins Viertelfinale – gegen den Trend und gegen das Ranking. In der Vorrunde kamen Siege gegen die Slowakei (3:2 n.P.), Frankreich (5:2), Lettland (6:1) und Slowenien (3:2 n.P.) zusammen. Erst im VF gegen die spätere Finalistin Schweiz war beim 0:6 Endstation.
Ein Zeichen für die wachsende Tiefe des österreichischen Eishockeys: Verteidiger David Reinbacher feierte im April 2026 sein NHL-Debüt bei den Montreal Canadiens und lieferte gleich einen Assist. Ob er für die WM nominiert wird, steht noch nicht fest, aber allein die Tatsache, dass Österreich mittlerweile NHL-Spieler produziert, zeigt die Entwicklung. Wer die Österreicher als leichte Beute einplant, könnte eine böse Überraschung erleben.
Ungarn und Großbritannien – wer entgeht dem letzten Platz?
Am unteren Ende der Gruppe wird es eng. Ungarn (IIHF-Rang 18, 4.135 Punkte) und Großbritannien (Rang 16, 4.155 Punkte) trennen im Ranking gerade einmal 20 Punkte. Beide Mannschaften dürften realistisch um den Klassenerhalt spielen.
Ungarn stieg 2025 aus der Division I in die Top-Division auf und bekam dort sofort die Härte des Wettbewerbs zu spüren. In der Gruppe B holte das Team nur 3 Punkte aus sieben Spielen. Ein einziger Sieg – 4:2 gegen Kasachstan – stand Niederlagen von 0:6 gegen die USA, 1:6 gegen Tschechien, 0:10 gegen die Schweiz und 2:8 gegen Dänemark gegenüber. Das Torgefälle war brutal. Ein Jahr später wird es nicht einfacher: In Gruppe A warten mit den USA, der Schweiz und Finnland drei Teams, die mindestens genauso stark sind wie die damaligen Gruppengegner.
Großbritannien war 2024 aus der Top-Division abgestiegen, spielte bei der WM 2025 in der Division I A und kehrt 2026 als Aufsteiger zurück. Die fehlende Top-Division-Erfahrung aus dem Vorjahr könnte ein Nachteil sein. Gleichzeitig hat das britische Team in den Jahren zuvor gezeigt, dass es sich auf diesem Niveau halten kann – der Abstieg 2024 war knapp.
Für beide Mannschaften geht es primär darum, den letzten Platz zu vermeiden. Einzelne Überraschungspunkte gegen höher eingestufte Teams sind möglich, ein Viertelfinaleinzug wäre aber eine Sensation.
Unsere Prognose für die Eishockey WM 2026 Gruppe A
Drei Plätze sind so gut wie vergeben, beim vierten wird es spannend. Hier unsere Einschätzung:
Platz | Team | IIHF-Rang | Einschätzung |
|---|---|---|---|
1 | USA | 1 | Titelverteidiger, Olympiasieger, breitester Kader |
2 | Schweiz | 3 | Heimvorteil, Vizeweltmeister-Lauf, Fans als zwölfter Mann |
3 | Finnland | 6 | Turniermaschine, konstant auf WM-Topniveau |
4 | Deutschland | 7 | VF-Platz realistisch, aber Lettland und Österreich drücken |
5 | Lettland | 10 | Stärkstes Team hinter den Top 4, Olympia-Sieg gegen Deutschland |
6 | Österreich | 11 | VF-Teilnahme 2025 war kein Zufall, NHL-Nachwuchs kommt |
7 | Großbritannien | 16 | Rückkehrer aus Division I, Eingewöhnungsphase möglich |
8 | Ungarn | 18 | Abstiegskandidat nach schwacher WM-Premiere 2025 |
Das Schlüsselspiel heißt Deutschland gegen Lettland am 17. Mai um 20:20 Uhr. Wer dieses direkte Duell gewinnt, hat die besten Karten für den vierten Viertelfinalplatz. Bei der WM 2025 scheiterte Deutschland mit 10 Punkten knapp am Weiterkommen, Lettland holte in seiner Gruppe vergleichbar viele Zähler. Und bei Olympia 2026 schlug Lettland die Deutschen sogar direkt.
Österreich ist der Joker. Die VF-Teilnahme bei der WM 2025 hat gezeigt, was möglich ist, wenn ein Turnier gut läuft. Gegen Deutschland (23. Mai) wird das Spiel zum Mini-Finale für das Team, das unbedingt noch Punkte braucht.
Am Ende dürfte es so kommen: USA, Schweiz und Finnland ziehen souverän ins Viertelfinale ein. Der vierte Platz geht an Deutschland – aber nur, wenn das DEB-Team die Pflichtspiele gegen Ungarn und Großbritannien gewinnt und in den Direktduellen gegen Lettland und Österreich nicht leer ausgeht. Ein Selbstläufer wird das nicht.
