Vier Tore, kein Gegentor, eine ausverkaufte MEWA Arena in Mainz – das 4:0 gegen Finnland am 31. Mai 2026 liest sich wie ein gelungener Abschied von deutschem Boden vor der WM. Nur verteidigte Finnland über weite Strecken mit zehn Feldspielern am eigenen Strafraum, und ein Testspiel gegen so einen Gegner verrät wenig über die ersten echten Aufgaben im Sommer.
Im Mittelpunkt stand dabei Deniz Undav. Zwei Tore, eine Vorlage, drei Scorerpunkte an einem Abend, an dem seine Familie auf der Tribüne saß. Die spannende Frage ist deshalb nicht, ob Undav einen guten Tag hatte – sondern ob daraus mehr wird als ein starker Testabend. Ändert dieser Doppelpack etwas an seiner Rolle für das Turnier?
Was sagt das 4:0 gegen Finnland wirklich aus?
Es war der vorletzte Test vor der WM und der letzte vor heimischem Publikum, bevor der DFB-Tross Richtung USA aufbricht. Das Ergebnis steht früh: Undav köpfte in der 34. Minute zur Führung, zur Pause hieß es 1:0. Erst nach dem Wechsel zog Deutschland davon – Florian Wirtz (48.), Undav noch einmal (57.) und Jamal Musiala (63.) machten aus dem knappen Vorsprung ein klares 4:0.
Die Höhe täuscht über den Gegner hinweg. Finnland spielte in einem 3-5-2 System, bei deutschem Ballbesitz standen alle zehn Feldspieler nah am eigenen Sechzehner und lauerten auf Konter. Nach der Anfangsviertelstunde hatte Deutschland über 80 Prozent Ballbesitz – gegen einen Gegner, der gar nicht erst mitspielen wollte. Aus so einem Abend lässt sich kein WM-Favorit ableiten, und Nagelsmann verwies selbst eher auf das Grundsätzliche: acht Siege in Folge, ein Test, um Vertrauen in die eigenen Stärken zu finden.
Tor | Minute | Torschütze | Entstehung |
|---|---|---|---|
1:0 | Deniz Undav | Kopfball nach Ecke von Kimmich | |
2:0 | Florian Wirtz | Einschieben nach Ballgewinn von Undav | |
3:0 | Deniz Undav | Zuspiel von Karl nach Umschalten | |
4:0 | Jamal Musiala | Abschluss aus 14 Metern nach Ablage von Pavlovic |
Bleibt die Einordnung zwischen Pflichtsieg und Fortschritt: Das Resultat war Pflicht, der saubere Auftritt nach der Pause der eigentliche Gewinn.
So hat die DFB-Auswahl den tiefen Block geknackt
Gegen zehn Mann hinter dem Ball hilft kein Tempo allein, sondern Geduld und ein paar klare Lösungen. Genau die fehlten in der ersten halben Stunde noch. Die ersten 15 Minuten waren stark, danach wurden die Deutschen ungeduldig und wollten das Tor erzwingen, wie Nagelsmann später einräumte. Die Führung fiel dann ausgerechnet nach einem ruhenden Ball: Joshua Kimmich brachte eine schnell ausgeführte Ecke an den Fünfer, Undav köpfte ein.
Nach der Pause kamen die anderen Lösungswege dazu. Das 2:0 entstand aus hohem Druck – die Finnen wurden bei der Spieleröffnung im eigenen Strafraum gestört, Undav eroberte den Ball und bediente zentral Wirtz, der nur noch einschieben musste. Beim 3:0 lief es andersherum: Felix Nmecha gewann den Ball am eigenen Sechzehner, schaltete schnell um und schickte Lennart Karl, dessen Zuspiel Undav verwertete. Und das 4:0 kam aus dem Halbfeld der Gegner, als Aleksandar Pavlović am Strafraumrand für Musiala ablegte.
Kimmich benannte drei dieser Wege nach dem Spiel selbst: ein Treffer aus dem hohen Pressing, einer aus der tiefen Verteidigung heraus, einer nach einer Standardsituation. Das 4:0 von Musiala kam obendrauf aus zentraler Position. So unterschiedlich die Entstehung, so deutlich das Muster – die Tore fielen nicht durch Kombinationsfeuerwerk, sondern über Ballgewinne und einen ruhenden Ball.
Deniz Undav mit einer überragenden Leistung
Drei Scorerpunkte an einem Abend sagen schon viel, der Weg dahin sagt fast mehr. Deniz Undav war von der ersten Minute an der gefährlichste Mann auf dem Platz, auch als noch nichts saß. In der achten Minute scheiterte er aus kurzer Distanz an Keeper Lukas Hradecky, in der 27. Minute schickte ihn Musiala frei durch, doch wieder war der Finne zur Stelle. Zwei vergebene Großchancen, bevor überhaupt ein Tor fiel – wer da weiterhin den Abschluss sucht, zeigt das Selbstverständnis eines Stürmers, der sich seiner Form sicher ist.
Dann kam die Belohnung. Das 1:0 köpfte er nach Kimmichs Ecke (34.), das 3:0 schob er nach Karls Zuspiel ein (57.). Dazwischen lag seine Vorlage zum 2:0, als er Wirtz nach eigenem Ballgewinn bediente. Nagelsmann beschrieb es nüchtern: sehr gefährlich in der Box, das erste Tor bei seiner Form fast einfach, beim zweiten ein guter Laufweg und viel Ruhe im Abschluss. In der 61. Minute nahm ihn der Bundestrainer vom Feld, da war die Sache längst entschieden.
Für den Stuttgarter war es ein Abend ohne Makel, und doch lohnt die nüchterne Lesart: Der Gegner ließ ihm Räume, die ein WM-Teilnehmer im Sommer kaum so offen lässt. Dass Undav sie nutzte, spricht für ihn. Eine endgültige Aussage über die Rangordnung im Sturm ist es noch nicht.
Hat sich Undavs Rolle für die WM verändert?
Um den Doppelpack einzuordnen, hilft ein Blick zwei Monate zurück. Ende März traf Undav beim 2:1 gegen Ghana spät zum Sieg – als Einwechselspieler. Auf die Frage, ob sich an seiner Jokerrolle etwas ändere, sagte Nagelsmann damals klar: "Das ist eher unwahrscheinlich." Er brauche auch im Sommer Spieler, die von der Bank Partien entscheiden. "Das ist sein Auftrag, das ist seine Rolle."
In Mainz stand Undav nun von Beginn an und lieferte über 60 Minuten ab. Trotzdem klang Nagelsmann nach dem Spiel nicht nach einer Beförderung zum gesetzten Mittelstürmer, sondern eher vorsichtig. Er lobte die Gefährlichkeit im Strafraum, schob aber sofort den Belastungshinweis nach: Undav habe in Stuttgart extrem viel gespielt, kaum Pause gehabt und spüre das. "Deshalb müssen wir ein bisschen dosieren." Genau deshalb kam die Auswechslung in der 61. Minute. Undav selbst sprach von "ein bisschen Schmerzen", aber nichts Wildes, eine kleine Behandlung und es gehe wieder.
Was bleibt, ist eine offene Frage statt einer Antwort. Der Startelfeinsatz und die drei Scorerpunkte sind ein Argument, die Worte des Bundestrainers über Dosierung und seine alte Festlegung auf die Jokerrolle ein Gegenargument.
Wer hat neben Undav Pluspunkte gesammelt?
Den zweitgrößten Eindruck hinterließ Lennart Karl. Der junge Offensivspieler erfuhr erst am Vortag von seinem Startelfeinsatz, hatte beim Einlaufen Gänsehaut und bereitete dann das 3:0 von Undav vor. In der 56. Minute traf er nach einem Solo nur den Außenpfosten. Nagelsmann nannte ihn einen Straßenkicker, der viel probiere und riskiere und den man nicht in starre Strukturen pressen dürfe.
Florian Wirtz erzielte das 2:0 und war in die Entstehung des Führungstreffers eingebunden, Musiala krönte seinen Abend mit dem 4:0 aus 14 Metern und stand nach eigener Aussage erstmals seit Längerem wieder 90 Minuten auf dem Platz. Beide Treffer lassen sich an konkreten Szenen festmachen, nicht an einem Gefühl.
Hinter den Torschützen reihten sich die kleineren Beiträge ein. Kimmich flankte die Ecke zum 1:0 und brachte später die Hereingabe, bei der Musiala um ein Haar nachgelegt hätte. Den Ballgewinn vor dem 3:0 besorgte Nmecha, der kurz darauf selbst Hradecky zu einer Parade zwang. Brown verzog in der 40. Minute eine Direktabnahme nach Karls Hereingabe nur knapp am langen Pfosten, und Pavlović legte das 4:0 mustergültig für Musiala auf. Keine dieser Szenen taugt zum Aufmacher, zusammen zeigen sie aber, wie viele Spieler ihren Anteil am Sieg hatten. Ingesamt war es über die gesamten 90 Minuten eine starke Teamleistung.
Was bleibt trotz des klaren Sieges offen?
Der größte Vorbehalt steckt im Gegner. Finnland verteidigte tief und überließ Deutschland den Ball, ein echter WM-Teilnehmer wird im Sommer höher stehen, früher anlaufen und die Räume zustellen, die Undav und Co. hier offen vorfanden. Was gegen einen passiven Block funktioniert, ist noch kein Beweis gegen einen aktiven. Genau das ist die Grenze des Abends.
Dazu kommt die Personalfrage im Angriff der deutschen Nationalmannschaft, die der Sieg eher zugespitzt als geklärt hat. Undav muss laut Nagelsmann dosiert werden. Leroy Sané kam in der 73. Minute und brachte nach Einschätzung des Trainers viel Dynamik. Und Kai Havertz stößt erst in den USA zum Team – Nagelsmann betonte, man brauche ihn, verwies auf sein Tor im Champions-League-Finale und die Kopfballstärke. Mehrere Kandidaten für ähnliche Rollen, ein begrenztes Turnier: Das wird zu Entscheidungen zwingen, die in Mainz nicht so wichtig waren.
Bleibt der Blick nach vorn. Die WM-Generalprobe steigt am Samstag in Chicago gegen Gastgeber USA, der letzte Test vor dem Turnier. Nagelsmann erwartet vor allem ein emotionales Spiel gegen eine Nation mit viel Aufmerksamkeit und sieht darin weniger eine taktische Standortbestimmung als die Gelegenheit, im Turniermodus anzukommen.
