Fünf Tore gegen Trinidad und Tobago, dazu ein knappes 1:0 gegen El Salvador: Wer nur auf Südkoreas letzte beiden Testspiele blickt, hält den WM-Auftakt gegen Tschechien für eine klare Sache. Drei Monate zuvor blieb dieselbe Mannschaft zweimal ohne eigenes Tor, 0:4 gegen die Elfenbeinküste und 0:1 in Wien gegen Österreich. Tschechien wiederum hat sich erst über zwei Elfmeterschießen in den Playoffs zur Endrunde gequält und gilt als individuell schwächster Teilnehmer der Gruppe A. Beide bringen damit mehr Fragezeichen mit, als die Namen auf den Trikots vermuten lassen.
Südkorea vor dem WM Start 2026
Die Asienqualifikation lief auf dem Papier glatt. In der dritten Runde holte Südkorea seine Gruppe mit sechs Siegen, vier Unentschieden und keiner einzigen Niederlage in zehn Spielen, vor Jordanien und dem Irak. Schon am 5. Juni 2025 war das WM-Ticket mit einem 2:0 im Irak vorzeitig sicher, vier Tage später folgte ein 4:0 gegen Kuwait in Seoul. Überzeugender als die Tabelle war das Auftreten allerdings nicht: Gegen vermeintlich klar unterlegene Gegner kam Südkorea unter anderem zu drei mageren 1:1, gegen Palästina, den Oman und Jordanien.
Richtig ernüchternd wurde es nach der gesicherten Qualifikation. Auf ein 2:0 gegen die USA und ein 2:2 gegen Mexiko folgte im Oktober 2025 ein 0:5 gegen Brasilien in Seoul. Im März 2026, also nur drei Monate vor dem Anpfiff, blieb das Team gleich zweimal ohne eigenen Treffer: 0:4 gegen die Elfenbeinküste im englischen Milton Keynes, danach 0:1 in Wien gegen Österreich. Das waren keine Topnationen wie Brasilien, sondern Gegner auf einem Niveau, das Südkorea bei der WM durchaus wieder begegnen kann. Entsprechend laut wurde in der Heimat die Debatte über Trainer Hong Myung-bo und seine Ausrichtung.
Dann zwei Tests, zwei Siege, kein Gegentor.
Die letzten beiden Vorbereitungsspiele im Juni gewann Südkorea mit 5:0 gegen Trinidad und Tobago und mit 1:0 gegen El Salvador. Das hebt die Stimmung, sagt über das Spiel gegen Tschechien aber wenig aus. Trinidad und Tobago hat die WM verpasst, El Salvador ebenso, und beim 1:0 saßen mit Son und Lee Kang-in zwei der wichtigsten Offensivkräfte zunächst auf der Bank, ehe Lee Dong-gyeong in der 56. Minute traf. Ein einziges Tor gegen einen Gegner aus der zweiten Reihe der Concacaf ist kein Beleg dafür, dass die Offensivflaute aus dem März überwunden ist.
Wo liegen Südkoreas Stärken und Schwächen?
Die individuelle Klasse sitzt bei Südkorea in einer klaren Achse. Heung-min Son, mit 33 Jahren inzwischen beim LAFC in der MLS, ist Kapitän und die Identifikationsfigur, gefährlich vor allem dann, wenn er mit Tempo in die offenen Räume läuft. Hinter ihm ordnet Kim Min-jae von Bayern München die Abwehr, ein Innenverteidiger von echtem Topniveau. Im Mittelfeld bringt Lee Kang-in von Paris Saint-Germain die Kreativität für das Spiel zwischen den Linien mit. Eine solche Achse aus drei Spielern der europäischen Spitze hat in Asien kaum ein anderes Team.
Spannender als die Namen ist die Frage, wie Südkorea spielt. Hong Myung-bo hat angekündigt, bei der WM von der gewohnten Viererkette auf ein 3-4-3 umzustellen, das beim Verteidigen zur Fünferkette wird. Die Umstellung kam spät, und genau das ist das Risiko: Die Mannschaft hat das System nicht über Jahre verinnerlicht. In den Tests im März rückten die Flügelverteidiger weit auf und hinterließen bei Ballverlusten große Räume, die Dreierkette geriet wiederholt in Eins-gegen-eins-Situationen. Absichern müsste das eigentlich Hwang In-beom als ordnender Sechser, doch dessen Einsatz ist nach einer Sprunggelenkverletzung fraglich. Fällt er aus, fehlt Südkorea der Spieler, der die größten Lücken im neuen System zustopft.
Gefährlich ist Südkorea im Umschaltspiel, wenn nach Ballgewinn schnell Tempo entsteht und Son die Wege nach vorne bekommt. Gegen tief stehende Gegner kippt dieses Bild jedoch. Dann fehlen die geduldigen Kombinationen im letzten Drittel, und genau so wird Tschechien auftreten: kompakt, tief, abwartend. Südkoreas stärkste Waffe, das Tempo nach vorne, läuft gegen einen Gegner, der kaum herauskommt, oft ins Leere.
Vorne dürfte Cho Gue-sung als klassischer Mittelstürmer beginnen, dazu sorgt Hwang Hee-chan von den Wolverhampton Wanderers für Tiefe. Eine in Stein gemeißelte Startelf gibt es vor dem ersten Spiel aber nicht.
Stärke | Schwäche |
|---|---|
Europäische Achse aus Son, Kim Min-jae und Lee Kang-in | Neues 3-4-3 erst kurz vor der WM eingeführt |
Tempo und Durchschlagskraft im Umschaltspiel | Räume bei Ballverlust hinter den Flügelverteidigern |
Kreativität von Lee Kang-in zwischen den Linien | Geduldiges Kombinieren gegen tiefe Gegner fehlt |
Erfahrung aus elf WM-Teilnahmen in Folge seit 1986 | Sechserposition durch Verletzung von Hwang In-beom geschwächt |
Die aktuelle Form von Tschechien
Dass Tschechien überhaupt den Umweg über die Playoffs nehmen musste, sagt schon viel. In der Qualifikationsgruppe reichte es nur zu Platz zwei hinter Kroatien, besiegelt durch eine 1:2-Niederlage auf den Färöern, die der Verband Trainer Ivan Hašek nicht durchgehen ließ. Im Dezember 2025 übernahm Miroslav Koubek, mit 74 Jahren der älteste Trainer der tschechischen WM-Geschichte. Die beiden Playoff-Partien im März 2026 waren seine ersten Spiele als Cheftrainer.
In diesen Spielen ging Tschechien zweimal über die Distanz. Im Halbfinale gegen Irland lag die Mannschaft in Prag früh 0:2 zurück, glich aus und gewann im Elfmeterschießen. Das Finale gegen Dänemark endete nach Verlängerung 2:2, ehe Michal Sadilek den entscheidenden Elfmeter verwandelte. Erstmals seit 2006, also nach 20 Jahren, ist Tschechien als eigenständiger Staat wieder bei einer WM dabei. Eine Demonstration der Stärke war das aber nicht: In beiden Partien lagen die Gegner bei den Expected Goals, also den aus den Chancen errechneten Torerwartungen, vorne. Tschechien kam weiter, überlegen war es nicht.
Die Generalprobe lief dann ohne Drama. Tschechien gewann 2:1 gegen Kosovo durch Tore von Tomas Ladra und Adam Hlozek sowie 3:1 gegen Guatemala, wo Patrik Schick schon in der 11. Minute traf.
Mit breiter Brust reist diese Mannschaft also nicht nach Nordamerika. Sie hat sich durchgewurstelt, mehr nicht. Trotzdem wäre es ein Fehler, Tschechien abzuschreiben, denn das Team bringt eine Eigenheit mit, die seinen Gruppengegnern wenig liegt.
Was zeichnet Tschechiens Spiel aus?
Unter Koubek verteidigt Tschechien aus einem 5-2-3 heraus, und zwar weniger über stures Kompaktstehen als über Intensität und enge Manndeckung. Die Verteidiger springen immer wieder aus der Kette heraus, um ihren Gegenspieler zu jagen. Das funktioniert nicht immer: In den Playoffs taten sich im zentralen Mittelfeld Lücken auf, die Irland und Dänemark bespielen konnten. Den Ball überlässt Tschechien dem Gegner ohnehin oft, gegen Dänemark lag der eigene Ballbesitz bei mageren 23 Prozent. Am eigenen Strafraum wird die Formation dann flach und tief.
Mit dem Ball ist das tschechische Spiel überschaubar. Es besteht fast nur aus Flanken und langen Bällen, gepflegtes Kombinieren findet kaum statt. Gegen Irland schlug die Mannschaft nach dem 0:2 in etwa einer Stunde rund 40 Hereingaben, von denen kaum eine Gefahr brachte. Der Mann, auf den die Bälle zugeschnitten sind, ist Patrik Schick: Der Stürmer von Bayer Leverkusen traf an den letzten acht Bundesliga-Spieltagen der Saison neunmal und ist als Abnehmer von Flanken wie als Konterstürmer der Schlüssel der Offensive. Neben ihm sorgt Pavel Sulc für Tempo im Umschalten und den Blick für den letzten Pass.
Im Tor steht mit Matěj Kovář vom niederländischen Meister PSV ein Schlussmann, der seinen Strafraum beherrscht und als bester tschechischer Torhüter seit Petr Čech gilt. Im Spielaufbau fällt Kapitän Ladislav Krejčí auf, der gerne mit dem Ball ins Mittelfeld vorstößt.
Standards als schärfste Waffe
Die eigentliche Stärke der Tschechen liegt bei ruhenden Bällen. In der Qualifikation erzielte kein anderes europäisches Team mehr Tore nach Ecken und Freistößen, und alle vier Treffer in den Playoffs fielen nach Standards: gegen Irland nach Elfmeter und einer Freistoßflanke, gegen Dänemark nach einem Eckstoß und einem Einwurf. Mit Vladimír Coufal hat Tschechien einen exzellenten Flankengeber, dazu eine Reihe kopfballstarker Abwehrspieler und in Tomas Souček einen 1,92 Meter großen Mittelfeldmann, der bei Standards und zweiten Bällen im Strafraum auftaucht. Für eine Gruppe, in der alle Gegner mit ruhenden Bällen ihre Mühe haben, ist das die gefährlichste Eigenschaft, die Tschechien besitzt.
Südkorea - Tschechien Wett-Tipp
Mein Tipp für diese Partie ist eine Under-Wette auf unter 2,5 Tore. Der erste Grund liegt in der Situation selbst. Es ist für beide das erste Spiel des Turniers, und mit Mexiko und Südafrika warten noch zwei Gegner. Niemand will den Auftakt verlieren, indem er sich vorne zu weit aufmacht. Solche ersten Gruppenspiele werden häufig vorsichtig geführt, gerade von Mannschaften, die nicht zu den Topfavoriten zählen.
Schwerer wiegt die Art, wie Tschechien spielt. Eine Mannschaft, die gegen Dänemark nur 23 Prozent Ballbesitz hatte, tief steht und ihre Offensive fast ausschließlich über Flanken und lange Bälle abwickelt, erzeugt aus dem Spiel heraus wenig zwingende Chancen. Tschechiens Tore fallen nach ruhenden Bällen, nicht aus flüssigen Kombinationen. Wer kaum kombiniert und den Ball selten hat, kommt selten zu vielen Treffern aus dem Spiel.
Auf der anderen Seite passt Südkoreas Offensivschwäche ins Bild. Gegen ernsthafte Gegner blieb das Team im März zweimal ohne Tor, und gegen tief stehende Abwehrreihen fehlen ihm die geduldigen Kombinationen. Genau so wird Tschechien verteidigen. Die fünf Tore gegen Trinidad und Tobago führen hier in die Irre, das knappe 1:0 gegen El Salvador mit geschonten Stars trifft die Sache besser.
Was für wenige Tore spricht:
- Auftaktspiel, beide Teams mit Respekt vor einer frühen Niederlage
- Tschechien steht tief, hat wenig Ball und kaum Tore aus dem Spiel
- Südkorea tut sich gegen kompakte, tiefe Gegner schwer
- ohne Hwang In-beom weniger Tempo durchs Zentrum bei Südkorea
Fazit
Beide Teams trennt weniger, als die Namen vermuten lassen. Südkorea hat die bessere Achse, aber ein neues System, eine Offensivschwäche gegen ernsthafte Gegner und ein Fragezeichen hinter Hwang In-beom. Tschechien ist individuell schwächer und spielerisch eine Zumutung, kommt über Standards und seine Kopfballstärke aber zu Toren, die anderen Teams fehlen. Das spricht für eine enge, ereignisarme Partie, und daraus folgt der Tipp auf Unter 2,5 Tore.
Wer diesen Tipp spielt, sollte nicht den Fehler machen, Südkoreas 5:0 gegen Trinidad und Tobago als Offensivform zu lesen. Das war ein Aufbaugegner ohne WM, und das knappe 1:0 gegen El Salvador zeigt eher, wie schwer sich das Team aktuell mit dem Toreschießen tut. Am Ende ist ein Ergebnis im Bereich von 1:0 oder 1:1 am wahrscheinlichsten für dieses Auftaktspiel.
